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<title>eins:eins</title>
<link>http://einszueins.blogg.de/</link>
<description>Das Interviewblog. Antonia Baum (22) stellt Fragen</description>
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<lastBuildDate>Wed, 04 Oct 2006 13:55:01 +0200</lastBuildDate>
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<title>Charlotte aus Prinzip</title>
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<description><![CDATA[<b>Charlotte Roche über Schauspielerei, Madonna, Massagegeräte,  nackte Hintern, Supermuttis und Feminismus. Ungekürzt und unsortiert - weil Charlotte so ist</b> <br /><br /> <i><b>Erstens.</b></i><br />
<br />
<b>Nicht lustig</b><br />
Vor kurzem bin ich für eine Fußballzeitschrift interviewt worden. Die haben dann zu mir gesagt: "Ja, also Charlotte, du sagst ja, du seiest Feministin ..." "Ja, stimmt genau!", habe ich geantwortet. Ich hatte das Gefühl, dass die mir die Möglichkeit geben wollten, das so ironisch-lustig zu relativieren. So als wollten die mir eine Tür öffnen, durch die ich noch schnell durch kann, um richtig zu stellen: Ja, also ich bin jetzt nicht so direkt richtig Feministin.<br />
<br />
Feministinnen wird nachgesagt, sie seien  humorlos. Aber wieso soll man eigentlich humorvoll sein, wenn es um ein total ernstes Thema geht. Vor allem für Frauen ist das ein gar nicht lustiges Thema. Trotzdem muss man als Feministin nicht spröde und frigide sein. Nur in dem Punkt versteht man eben keinen Spaß, weil es da um eine ernste Sache geht. Ansonsten kann man ja ganz lustig sein. Mir hat meine Haltung bis jetzt auch nie geschadet, aber ich habe bei Viva ja auch nicht bei einem öffentlich-rechtlichen Sender gearbeitet, wo nur alte Männer sitzen.<br />
<br />
<b>Feminismus</b><br />
Ich bin Feministin. Frauen, die heute alles weit von sich weisen, was damit zu tun hat, weil das uncool und humorlos ist, haben einfach nur Angst davor, sich unbeliebt zu machen. Die sind eben gut erzogen worden von den Männern. Schrecklich ist, wenn man Frauen in einem Interview nach Gleichberechtigung fragt und die haben keinen Bock, darüber zu reden, weil sie sich Sorgen um ihren guten Ruf machen. Aber es ist total legitim, über dieses Thema zu reden. Das sollte normal sein und nicht Reaktionen hervorrufen, wie: Was, Feminismus? Ich? Niemals!<br />
<br />
Ich habe eine feministische Haltung, weil ich dazu erzogen wurde. Zu Hause lag  immer  die Emma rum und meine Mutter hat sehr darauf geachtet, dass bei uns alles gleichberechtigt abläuft. Ihre Erziehung war davon geprägt, Mädchen zu stärken. Das war wie ein gutes Paket schnüren, in dem alles drin ist, was ich brauche, damit ich mir nichts erzählen lasse. Sie hat das wirklich gut hinbekommen, denn ich habe nicht den Hauch von einem Komplex, weil ich eine Frau bin. Ich war immer absolut frei von dem Gedanken, dass ich deswegen irgendetwas nicht machen kann oder darf.<br />
<br />
<b>Wie geht das?</b><br />
Für mich ist  Feministin-Sein eine Haltung. Ich gehe mit einem Blick dafür durch die Welt und wenn ich Ungerechtigkeiten sehe, sage ich dazu etwas. Genauso wie ich etwas dazu sage, wenn Schwarze wegen ihrer Hautfarbe diskriminiert werden.<br />
<br />
Vor wenigen Jahren gab es noch Gerichtsverhandlungen, bei denen dem Opfer nahe gelegt wurde, dass es eine Teilschuld hat, weil es zu sexy rumgelaufen ist.<br />
<br />
Das zeigt, dass man den Feminismus noch braucht und vor allem auf so vielen Ebenen. Das sollte nicht so ein komisches verstaubtes Ding sein, das nur bei Alice Schwarzer und in der Emma stattfindet. Es gibt sexistische Richter, frauenfeindliche Zeitungen, Männer in Chefpositionen, die Frauen weniger Geld bezahlen oder blöde Sprüche machen ? alles Mögliche. Die Formen der Unterdrückungen von Frauen sind genauso vielfältig wie die Diskriminierung von Ausländern, denn alles, was denen gegenüber an rassistischen Handlungen auf der Welt passiert, kann man auch auf Frauen übertragen. Eine Gruppe wird diskriminiert, in den Medien, in der Bahn oder auf der Straße. Und wenn man das sieht, darf man sich durchaus berufen fühlen und sagen: So geht das aber nicht. Schwierig und  unbequem sein, sich mit Leuten anlegen und vor allem ein Bewusstsein dafür entwickeln ? egal, ob es dabei um feministische oder rassistische Angelegenheiten geht ? so ist man, wenn man ein politischer Mensch ist.<br />
<br />
<b>Ist</b><br />
Es wird immer so getan, als gebe es nur diesen einen Latzhosen-Kurzhaar-Feminismus von vor 30 Jahren, aber das stimmt überhaupt nicht. Denn jede Frau hat ihren eigenen. Die eine findet Ausziehen im Playboy lustig, die andere findet das total verwerflich. Für jede Frau wird das zum Thema, ob das nun uncool ist oder nicht. Wie sich das ausdrückt ist ja eine ganz andere Sache. Ein Beispiel für einen modernen Feminismus ist für mich, wenn man sich einen Mann sucht, mit dem man diese klassischen Macho-Probleme nicht hat. Wenn man sich in so einen gar nicht erst verliebt, weil das eigene Bewusstsein dafür geschärft ist.<br />
<br />
<b>Eva Herman</b><br />
Als ich gelesen habe, was Eva Herman für Vorstellungen von einer angemessenen Rollenverteilung hat, habe ich gedacht, sie ist jetzt verrückt geworden. Mich hat das maßlos aufgeregt. Ich fand sie vorher auch ganz nett und habe gerne mal Herman & Tietjen geguckt. Aber jetzt würde mich nicht mehr in diese Show setzen. Für mich ist das so, als hätte jemand komplett den Verstand verloren. So wie ausgetickt.<br />
<br />
<b>Mütter</b><br />
Ich würde mich hier wirklich gerne als Super-Mutter hinstellen, die alles perfekt auf die Reihe bekommt: Das Kind, den Job, den Haushalt. Aber das geht leider nicht. Ich muss das im Gegenteil weit von mir weisen. Ich kann bei meinem Job viel besser organisieren, als das andere Mütter können, die jeden Tag acht Stunden arbeiten. Bei mir reißen sich die Leute eher darum,<br />
mir mein Kind abzunehmen. Außerdem sitze ich am Ende des Tages nicht gestresst und allein erziehend zu Hause und zähle mein Geld nach, während ich mir überlege, wie ich das alles schaffen soll. Ich bekomme Bestätigung und viel Unterstützung. Deswegen mag ich solche Wow-wie-bekommst-du-das-hin-du-tolle-Frau-Fragen nicht. Ich käme mir total verlogen vor, wenn ich jetzt hier erzählen würde: Ja, also ... das ist alles nur eine Frage der Organisation, meine Damen. <br />
<br />
<b>Kinder</b><br />
Meine Mutter ist eine emanzipierte Frau, die ist ihren Bedürfnissen nachgekommen. Ich bin mehrfaches Scheidungskind und natürlich hat mich diese Unbeständigkeit von ihr damals total angekotzt, aber deswegen habe ich nicht dem Feminismus eine generelle Absage erteilt. Mir hat zwar ihre Heiratspolitik nicht immer zugesagt, aber das bedeutet nicht, dass sie mich als Mädchen schlecht erzogen hat. Bei mir wird das auch so sein: Irgendetwas werde ich bei meiner Tochter komplett falsch machen, wie meine Mutter auch. Irgendwann mal habe ich mir einen Erziehungsplan für meine Tochter gemacht, aber jetzt ist das eher so, dass das im Alltag mitschwingt. Ich will, dass sie davon frei ist, dass sie irgendetwas nicht darf, weil sie ein Mädchen ist. Ich halte es schon für einen absoluten Segen, dass Kinder heute auswählen dürfen. Dass ein Junge mit drei Jahren nicht sofort schwul ist, wenn er mit einer Puppe spielt.<br />
<br />
<b>Giraffen</b><br />
Ich finde es zu einfach zu sagen, dass die dünnen Frauen in den Zeitungen schuld an den angeblich zunehmenden Essstörungen sind. Ich habe mir über dieses Model-Thema schon verschiedentlich den Kopf zerbrochen: Wieso die alle ganz groß und dünn sein müssen und dass das ja gemein ist für alle, die nicht groß und dünn sind. Andererseits gab es immer schon Ideale, die einem als perfekt verkauft wurden und alle anderen, die nicht so perfekt waren, hatten eben Pech. Früher gab es in der <i>Bravo </i>auch Sängerinnen mit Figuren, die kein Mensch hatte, und die dreizehjährigen Mädchen fanden sie toll. Warum ist es dann heute so, dass sie versuchen, genauso zu sein, indem sie sich den Finger in den Hals stecken oder magersüchtig werden? Das eigentliche Problem liegt in dem Rückschluss: So sein zu wollen wie die im Fernsehen. Der ist natürlich total fatal. <br />
<br />
Trotzdem fand ich diese Diskussion über die Model-Show mit Heidi Klum völlig bekloppt. Mann, da geht es um Models!  Die Designer entwerfen in ihrem verrückten geschlossenen System Klamotten in nur einer Größe, nämlich für lange, dünne Giraffen. Die gibt es auf der Welt total selten, trotzdem prägen sie das öffentliche Bild unverhältnismäßig stark. Ich fand das so verkehrt, dass die Leute ganz selbstverständlich davon ausgingen, dass es schädlich für normale Mädchen ist, wenn Heidi Klum zu einem Model mit einer Tip-Top-Figur sagt: "Dein Arsch ist aber zu dick." Das sind die Gesetze dieser verrückten Model-Welt. Das wäre doch wie, wenn ich zu einem Architekten sage: "Das ist aber total gemein, dass das Haus so gerade ist, mach es doch bitte schief!" Das muss einem doch klar sein. Natürlich setzt das voraus, dass man nachdenkt und gefestigt ist. Und da liegt der eigentliche Ansatzpunkt, finde ich. Vielleicht ist diesen Mädchen einfach nicht oft genug gesagt worden, dass sie super aussehen. Vielleicht sind einfach die Eltern schuld. (lacht)<br />
<br />
<i>Es geht jetzt weiter im Programm mit Zweitens und Drittens: Charlotte Roche über Körperpflege und warum VJ' s am Schluss oft Schauspieler werden. Über eine fehlende thematische Klammer soll nicht hinweggetäuscht werden.</i><br />
<br />
<b><i>Zweitens.</i></b><br />
<br />
<b>Cellulite</b><br />
Ich schwöre, dass ich von hinten genauso aussehe  wie auf dem Plakat mit Bela B. Der Hintern ist auf jeden Fall mein eigener! Wir wollten an unseren Rückseiten auf keinen Fall rumretuschieren, sondern uns im Original zeigen. Vorher habe ich aber ein bisschen Poübungen gemacht: So mit zusammenkneifen und dann entspannen. Aber natürlich sind bei mir auch manchmal Pickel am Po, besonders wenn ich so viel rumsitze. An dem Tag, als wir fotografiert wurden, war er dann wirklich in einem besonders guten Zustand. Aber wenn ich so einen Hintern sehen würde, wäre ich auch die Erste, die sagt: "Stimmt nicht! Niemals gehört der oder dem dieser Po in Wirklichkeit!" <br />
<br />
<b>Achselhaare</b><br />
Inzwischen habe ich keine Achselhaare mehr. Lange habe ich die nicht rasiert und meinen damaligen Freund damit extrem glücklich gemacht. Als ich meinen neuen Freund kennen lernte, waren die auch noch dran. Der hat nicht von mir verlangt, dass ich sie weg mache. Aber er steht da überhaupt nicht drauf, weil ihn das total an früher erinnert und seine ganzen Tanten in der Verwandtschaft. Mein Freund soll nicht an seine Tanten denken, wenn er mit mir schläft. Deswegen habe ich meine Haare unter den Armen gerne abgeschnitten, aber nur unter der Bedingung, dass ich bestimmen darf, welche Haare er sich am Körper abschneiden muss.<br />
<br />
<b>Der Damm</b><br />
Ich habe ein Gerät erfunden, mit dem man den Damm massieren kann. Bei  der Geburtsvorbereitung lernt man, das mit dem Finger zu machen, damit da nichts reißt. Das ist nämlich sehr schmerzhaft, man fühlt sich dann wie nach einer Operation, obwohl man sich so gar nicht fühlen müsste. Beim Pinkeln brennt das wie Hölle. Mein Damm ist nicht gerissen. Ich bin nach der Geburt von meiner Tochter sofort rumgelaufen, als wäre nichts passiert.<br />
<br />
<i>Das Patent für dieses Gerät liegt bei Charlotte Roche, aber es ist noch nicht auf dem Markt. </i><br />
<br />
<b><i>Drittens.</i></b><br />
<br />
<b>Komisch und konventionell</b><br />
Mir haben die Leute immer am allerwenigsten zugetraut, dass ich bei meinem Fast-Foward-Job total sorgfältig arbeite. Wenn die mich gesehen haben, dachten die: Diese chaotische Charlotte, mit ihren komischen Klamotten und der Schminke im Gesicht. Die glaubten bei meinem Anblick einfach, dass ich ein bisschen plemplem bin. Das stand aber ganz im Widerspruch zu meiner Arbeitsweise. Die war nämlich sehr spießig: Ich habe mich immer ganz genau vorbereitet und mir wäre es nie in den Sinn gekommen, so cool-unvorbereitet an ein Interview heranzugehen. Niemals! Ich hatte immer Riesenschiss, dass ich als unwissend auffliege und deswegen jemanden beleidigen könnte. Das ist gar nicht chaotisch, sondern eigentlich eine ziemlich konventionelle Herangehensweise. Andererseits hatte die Tatsache, dass man mich auf den ersten Blick erst mal nicht so ernst genommen hat, auch etwas Gutes. Zum Beispiel bei Interviews mit Leuten wie Mick Jagger oder David Bowie. Die machen manchmal über Tage hinweg nichts anderes als in Hotels rumsitzen, ihre neue Platte promoten und dabei Journalisten die Hände schütteln.  Und wenn dann so ein kleines, komisch angezogenes Mädchen zur Tür rein kam, dachten die sich erstmal: "Was kommt denn da?" Die haben sich natürlich gewundert, wenn ich  geredet habe wie ein alter Opa, der alle ihre Platten aus den Siebzigern kannte. Das war ein guter Trick, damit die wach geworden sind.<br />
<br />
<b>Madonna</b><br />
Ich habe sie Mal interviewt und das war schlimm. Alle Madonnas, Mick Jaggers oder David Bowies haben ein krasses Management. Das sagt dann zu Viva: Wir geben euch 24 Minuten und ihr schickt da gefälligst jemanden hin, der garantiert, dass da kein Unsinn bei rauskommt, verstanden? Deswegen war das nicht so entspannt. Kurz vorher dachte ich dann: "Okay, gleich kommt Gott", und es war tatsächlich so, aber sie war so ein böser Gott. Als sie mir die Hand gegeben hat, hat sie zur Seite geschaut, ich hatte von Viva schon vorher die Information, dass sie sich lange Jahre geweigert hat, mit Frauen Interviews zu führen. Das Produkt Madonna lässt sich von ihr natürlich nur mit einem Mann inszenieren, den sie bezierzt, während er sabbernd dahinschmilzt. Wenn die mit einer Frau reden muss, funktioniert das nicht. Ich finde das sehr uncool. Wenn sie so eine geile Frau sein will, muss sie auch mit Frauen klarkommen.  Als ich die erste Frage gestellt habe, meinte sie dann sofort ziemlich zickig, dass sie überhaupt nicht versteht, was ich meine. Die hat mir das Gefühl gegeben, dass ich ein totales Arschloch bin. So, als  wäre ich ein zehnjähriges Kind, das sein Idol trifft. Obwohl ich die ja gar nicht toll fand.<br />
<br />
Die ganze Zeit über machte sie ganz komische Anstalten: Sie warf ihre Beine so yogamäßig durch die Luft und weil es in dem Hotelzimmer, in dem das Interview geführt wurde, ziemlich heiß war, hat sie sich gepudert und dabei so gehechelt und gestöhnt. Dann wurde sie von ihren persönlich ausgesuchten Visagisten und Stylisten geschminkt. Das sind ja alles Leute, die von ihr bezahlt werden. Die haben dann, während sie an ihr rumgefummelt haben, ständig Sachen wie: "Wow! I love your shoes!" gesagt, und sie dann darauf: "Oh! Really?". Wie schräg ist das denn: Sich von Leuten, die man bezahlt, Komplimente machen zu lassen? Außerdem hat sie das Interview dauernd unterbrochen. Bis heute  will mir die Plattenfirma verbieten zu sagen, wie bescheuert Madonna war. Das ist doch verrückt: Im Vergleich zur großen Madonna ist doch die Meinung von der kleinen Charlotte total egal.<br />
<br />
<b>Sprungbrett</b><br />
In der Schule wollte ich Schauspielerin werden. Das war mein großer Traum und nicht bloß eine Schwärmerei. Ich wollte erst mein Abitur machen und dann Schauspielerei studieren. Ganz klar. Das habe ich immer meinen Eltern gesagt: Mathe, Latein, Physik? Mir doch egal. Und wenn sie mich dann darauf hingewiesen haben, dass ich das aber können muss, wenn ich Arzt werden will oder Rechtsanwalt, habe ich geantwortet: Will ich aber nicht. Ich will Schauspielerin werden! Damals war ich in der Theater AG und fand das total super: Alle lernen etwas auswendig, dann spielt man zusammen und im Idealfall klatschen die Leute hinterher. Es klingt nur so abgelutscht, wenn man vorher Viva-Moderatorin war und dann erzählt, der große Traum sei immer die Schauspielerei gewesen. Wie originell! Menschen, die im Musikfernsehen sind, wollen in Wirklichkeit Schauspieler sein oder wie? Ich wundere mich ja selber darüber, dass Leute wie Jessica Schwarz, Heike Makatsch, Christian Ulmen oder eben auch ich beim Musikfernsehen anfangen und dann aber Schauspieler werden. Aber vielleicht wollen sogar alle, die da arbeiten, Schauspieler werden, nur bei Leuten wie Collien oder Milka klappt das nicht. Kann ja sein. (lacht)<br />
<br />
Es ist schon komisch, wenn es so wirkt, als wäre das Musikfernsehen für mich nur ein Sprungbrett gewesen. Wenn ich beteuern muss: wirklich! Ich wollte schon in der Schule Schauspielerin werden und ich bin wirklich, wirklich, wirklich nicht erst jetzt auf die Idee gekommen, sondern viel, viel, viel früher! Das ist dann ein bisschen verdächtig, wenn das alle sagen, die vom Musikfernsehen kommen. Journalisten fragen mich immer, ob meine Zeit bei VIVA nur ein Zwischenspiel war. Und dann muss ich sagen: Eigentlich ja. Als ich mich beworben habe, wusste ich ja nicht, dass das so lange gehen würde. <br />
<br />
<b>So.</b><br />
Ich will mir nicht vorwerfen lassen müssen, dass ich irgendwas hätte besser machen können, was in meinem Einflussbereich liegt. Es gibt Leute, die es schaffen, sich darüber keine Gedanken zu machen. Die geben bei der Arbeit Halbgas, und wenn was nicht so  gut gelaufen ist, gehen die eben wieder und das macht denen nichts aus. Bei mir funktioniert das kein bisschen, wenn ich nur daran denke, wird mir schlecht. Ich will mich nicht im Fernsehen sehen und meine Arbeit schlecht finden.<br />
<br />
<i>Der neue Film mit Charlotte Roche heißt "Eden" und kommt am 02. November in die Kinos.</i><br />
<br />
<b><i>Weiterlesen:</i></b><br />
<br />
<a href="http://einszueins.blogg.de/eintrag.php?id=3"><b>Kinder, Küche und Karriere</b> ? Joy Denalane über die drei Ks und koole Frauen</a><br />
<br />
<a href="http://einszueins.blogg.de/eintrag.php?id=2"><b>Mieze in drei Sätzen</b> ? Über Flipper, Liebe und Journalisten</a><br />
<br />
<a href="http://einszueins.blogg.de/eintrag.php?id=1"><b>'n Abend allerseits</b> ? Markus Kavka über Moral, Anstand und Sparsamkeit</a><br />
<br />
<a href="http://zuender.zeit.de/2006/15/nina"><b>"I'm not a punk, I'm Nina Hagen"</b> ? Über George Bush, Angela Merkel, Drogen und Ufos</a><br />
<br />
<a href="http://www.zeit.de/zuender"><b>Zuender</b> - Das Netzmagazin</a><br />
<br />
]]></description>
<pubDate>Wed, 04 Oct 2006 13:55:01 +0200</pubDate>
<dc:creator>zeitzuender</dc:creator>
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<item>
<title>Kinder, Küche und Karriere</title>
<link>http://einszueins.blogg.de/eintrag.php?id=3</link>
<description><![CDATA[<b>Joy Denalane über die drei Ks und koole Frauen</b> <br /><br /> <b><i>Karriere</i></b><br />
?Frauen studieren Jahre lang oder machen eine Ausbildung, danach müssen sie froh sein, wenn sie einen festen Job finden und wenn sie das geschafft haben, ist es mehr als fraglich, ob sie diese Stelle zu den gleichen Konditionen wieder aufnehmen können, nachdem sie schwanger waren. Oder ob sie ihren Job überhaupt weiter machen dürfen. Deswegen überlegen es sich junge Frauen doch drei Mal, ob sie schwanger werden wollen. <br />
<br />
Warum soll eine junge Frau für Praktika und Studium schuften, um danach als Mutter nur Probleme zu haben ? ich kann gut verstehen, wenn sie dann die Kinderlosigkeit vorzieht. <br />
<br />
Häufig werde ich als die idealtypische berufstätige Mutter von zwei Kindern vor den Karren gespannt, die das alles problemlos auf die Reihe bekommt. Nach dem Motto: Wenn die das kann, warum können das die anderen Frauen nicht.<br />
Die Antwort ist ganz simpel: Mein Mann Max unterstützt mich und wir haben genug Geld, um eine Kinderfrau zu bezahlen.?<br />
<br />
<b><i>Küche</i></b><br />
?Kinder, Haushalt und Job zu vereinbaren, ist eine logistische Meisterleistung. Alleinerziehende Mütter hetzen vom Kindergarten zur Arbeit. Dazwischen muss irgendwann noch aufgeräumt, die Wäsche gewaschen und der Haushalt in Ordnung gebracht werden. Die Kinder wollen auch versorgt werden. Das ist ein Fulltimejob, denn Kinder sind nicht kalkulierbar. Denen ist es egal, ob Du müde bist oder schlechte Laune hast. Sie wollen, dass Du da bist, wenn sie Dich brauchen. <br />
<br />
In Berlin ist die Betreuungsituation etwas besser als in anderen Bundesländern. Ich habe mal in Stuttgart gelebt, dort ist es so gut wie unmöglich, einen Hortplatz zu bekommen. Da muss man sich anmelden bevor man schwanger ist, oder noch besser: bevor man überhaupt darüber nachdenkt, es irgendwann mal zu sein. Ich erinnere mich, dass es da völlig absurde Betreuungszeiten gab: Bis mittags, von neun bis zwölf und dann noch mal von 14 bis 15 Uhr. In der Zeit soll man dann den Haushalt in Ordnung gebracht haben, sich um sich selbst gekümmert haben und um den Beruf auch ? in vier Stunden? Was sollen Frauen mit vier Stunden anfangen, die allein erziehend sind und voll berufstätig sein wollen?<br />
<br />
Ich finde, diese Frage sollte nicht nur die Frauen beschäftigen. Wenn sie Kinder bekommen sollen, muss auch dafür gesorgt werden, dass die in der Zeit, in der die Frauen arbeiten, vernünftig versorgt werden. Kinder zu bekommen, muss attraktiv gemacht werden. Eine Frau sollte das Gefühl haben, dass sie keinen beruflichen Nachteil hat, wenn sie ein Kind bekommt, weil es Einrichtungen gibt, die sie dabei unterstützen.?<br />
<br />
<b><i>Kinderzeit</i></b><br />
?Auf der anderen Seite muss man sich aber trotz Beruf als gute Mutter fühlen dürfen. Ich habe kein schlechtes Gewissen, weil ich arbeite. Und wenn überhaupt, dann nur, weil ich zu Hause bin, es gerade nichts zu tun gibt und ich vor dem Computer hänge. Dann denke ich immer: ?Kiste aus, jetzt ist Kinderzeit.?<br />
<br />
Manchmal gibt es Phasen, in denen ich kaum zu Hause bin. Dann kommen wieder Zeiten, in denen ich sehr viel bei meinen Kindern bin. Ich weiß, dass sie gut versorgt sind, weil mein Mann sich um sie kümmert. Als selbstständiger Musiker kann er das. Hätte er einen festen Job, bei dem er von neun bis fünf auf der Matte stehen müsste, würde das überhaupt nicht gehen. Max und ich sind also nicht beispielhaft, weil wir in vielerlei Hinsicht bessere Möglichkeiten haben, als die meisten jungen Eltern.?<br />
<br />
<b><i>Kindgerecht</i></b><br />
?Bei mir zu Hause war es keine Frage, ob ich draußen spielen darf, oder ob ich meiner Mutter beim Kochen zusehen muss. Natürlich durfte ich draußen spielen. Mir wurde beigebracht, im richtigen Moment kompromisslos zu sein, egal was andere von mir erwarteten. Ich bin zu einem ganz selbstbewussten Menschen erzogen worden. Und ich glaube, das basiert auf dem Gefühl, ernst genommen zu werden; auf einer Mischung aus behüten und loslassen. <br />
<br />
Diese Balance versuche ich auch zu halten: Unser Sohn ist fünf und er hat sich in seiner Vorschule nicht wohl gefühlt. Wir sind wirklich nicht von der Truppe Eltern, die bei der kleinsten Kleinigkeit Pflaster verteilen, aber ihm ging es dort einfach nicht gut. <br />
<br />
Also haben wir ihm gesagt: ?Okay, wir bieten Dir die Möglichkeit, auf eine andere Vorschule zu gehen.? Natürlich haben wir das kindgerecht verpackt und nicht von ihm verlangt: ?Du musst jetzt eine Entscheidung treffen!? Wir haben ihn gefragt: ?Hey, sag mal, wo gefällt es Dir besser und warum.? Nachdem wir uns mit ihm verschiedene Vorschulen angesehen hatten, hat er sich eine neue ausgesucht und dort fühlt er sich jetzt wohl.<br />
<br />
Ich hätte auch ein paar Mal mit der Erzieherin reden können, wie man das eben so macht, in dem Glauben, dass sich das schon wieder einrenkt. Mir kam es aber darauf an, dass er merkt, dass er ernst genommen wird. Dieses Gefühl macht sicher, das weiß ich sehr genau aus meiner eigenen Kindheit: Wenn ich wieder mal wegen meiner Hautfarbe geärgert wurde, saß meine Mutter mit Sicherheit am nächsten Tag beim Direktor und hat einen Riesenaufstand gemacht. Darauf hat sie immer Wert gelegt und das hat mich gefestigt ? das war wie Futter für mein Selbstbewusstsein. Ich wusste immer, dass ich meine Familie habe und dass die da ist, wenn etwas ist.<br />
<br />
Ich habe so gelernt, mich zu behaupten, denn das musste ich immer: Als Kind, als Jugendliche, später dann als Künstlerin. Aber ich betrachte das als etwas Positives. Denn ich fühle mich wohl und habe das Gefühl, dass mich nichts so schnell umhaut. Natürlich gibt es Zeiten, in denen ich labiler bin, aber im Gesamten weiß ich, wer ich bin und wo ich hin will.?<br />
<br />
<br />
<b><i>Kool</i></b><br />
?Es gibt in Deutschland viele coole Frauen und vor allem nicht nur die, die in der Öffentlichkeit stehen. Aber von denen finde ich zum Beispiel Charlotte Roche super. Oder Mieze von MIA. Ich selber habe nie Vorbilder gehabt, nur Frauen, die ich für etwas ganz bestimmtes gerne gemocht habe. Selber möchte ich auch nicht zum Vorbild erhoben werden, das ist mir zu abstrakt, so fühle ich mich einfach nicht. Und was da in den Zeitungen über mich geschrieben steht: Super-Mami und so, das lese ich meistens nicht. Nicht aus Prinzip, sondern weil ich einfach keine Zeit habe. <br />
<br />
Trotzdem finde ich, dass ich als Künstlerin von meinem Zugang zur Öffentlichkeit Gebrauch machen sollte. Das bedeutet nicht, dass ich alle Nase lang irgendwelche politischen Statements machen muss, weil ich schlicht nicht immer etwas zu sagen habe. Aber wenn ich etwas zu sagen habe, tue ich das. <br />
<br />
Ich freue mich natürlich, wenn ich Leute berühre oder ihnen ein gutes Gefühl gebe. Das kostet mich ja nichts, aber zum Role-Model für junge berufstätige Mütter will ich nicht stilisiert werden. Ich weiß ziemlich genau, dass ich kein durchschnittliches Leben führe, und dass mein Leben deswegen nicht beispielhaft sein kann. Trotzdem fühle ich mich ganz normal. Ich habe meine Freunde von damals noch und das Glück, dass die mich auf eine ganz gesunde Weise kritisieren, dafür muss ich keine Zeitungen lesen. Die kennen mich seit ich 14 bin. Die Joy aus Berlin eben.?<br />
<br />
<i>Das Album ?Born & Raised? erscheint am 11. August</i><br />
<br />
<b><i>Weiterlesen:</i></b><br />
<br />
<a href="http://einszueins.blogg.de/eintrag.php?id=2"><b>Mieze in drei Sätzen</b> ? Über Flipper, Liebe und Journalisten</a><br />
<br />
<a href="http://einszueins.blogg.de/eintrag.php?id=1"><b>'n Abend allerseits</b> ? Markus Kavka über Moral, Anstand und Sparsamkeit</a><br />
<br />
<a href="http://zuender.zeit.de/2006/15/nina"><b>"I'm not a punk, I'm Nina Hagen"</b> ? Über George Bush, Angela Merkel, Drogen und Ufos</a><br />
<br />
<a href="http://www.zeit.de/zuender"><b>Zuender</b> - Das Netzmagazin</a><br />
]]></description>
<pubDate>Tue, 15 Aug 2006 20:50:31 +0200</pubDate>
<dc:creator>zeitzuender</dc:creator>
<trackback:ping>http://einszueins.blogg.de/trackback.php?id=3</trackback:ping>
</item>
<item>
<title>Mieze in drei Sätzen</title>
<link>http://einszueins.blogg.de/eintrag.php?id=2</link>
<description><![CDATA[<b>I</b><br />
<br />
Auf einer Party im Januar in Berlin<br />
<br />
<i>Wie heißt Du?</i><br />
<br />
&#8222;Warum?&#8220;<br />
<br />
<i>Nur so ... </i><br />
<br />
&#8222;Mieze. Wie heißt <i>Du</i> denn und warum fragst Du?&#8220;<br />
 <br /><br /> <i>Mieze (27) ist die Sängerin der Berliner Band &#8222;MIA.&#8220;. Die Band, von der gesagt wurde, sie bringe eine neue Jugendbewegung auf den Weg. Die Band, die einen entspannten Umgang mit der deutschen Identität wollte und sich in einem Lied die Farben schwarz, rot, gold erlaubte. Das ist drei Jahre her und da gab es noch keine WM mit Menschen, die eingewickelt in Deutschlandfahnen durch die Straßen liefen. Aber eine &#8222;MIA.-Ist-Uebel&#8220; Seite im Netz und gewaltsame Proteste gegen Konzerte der Band. Und Lob von der NPD Zeitschrift &#8222;Deutsche Stimme&#8220;. Und Kritiker, die sich sicher waren, dass das eigentlich alles nur bei der NDW geklaut ist. Und Charthits und eine viertel Millionen verkaufte Platten bis heute. Und, und, und &#8211;  und schließlich den kleinsten gemeinsamen Nenner für alle:<br />
MIA. polarisiert.<br />
Sängerin Mieze trägt das Gesicht dazu. Ihr Konterfei wird von MIA. Gegnern durchgestrichen und verbreitet, sie wird &#8222;nervig&#8220;, &#8222;schrill&#8220; und &#8222;hysterisch&#8220; gefunden.  Mieze ist es, der ein Journalist &#8222;einen Tritt in den Hintern&#8220; empfohlen hat.<br />
<br />
Auf der Party erklärte sie mir, warum eine Revolution der Herzen her muss: Für mehr Liebe, Toleranz und Mut. Dann gab  sie mir eine Telefonnummer, damit wir uns zum Interview treffen, wenn die neue Platte &#8222;Zirkus&#8220; erscheint. Drei Monate später saßen wir uns in einem Zirkuswagen gegenüber. </i><br />
<br />
<br />
<br />
<b>II</b><br />
<br />
Mieze:<br />
&#8222;Bei Interviews muss ich immer an Flipper denken: In einem Raum sitzen ein paar Leute, es gibt ein Thema und das ist der Ball. Aber wohin der geht, kann man vorher nie sagen.&#8220;<br />
<br />
&#8222;Ich habe keine Ahnung, in welche Richtung sich die Rollenverteilung der Geschlechter entwickelt, aber mich interessiert das Thema. Immerhin singe ich mit vier Männern in einer Band.&#8220;<br />
<br />
&#8222;Mich wundert es, dass heute eine Frau, die den gleichen Job wie ein Mann macht, trotzdem weniger verdient. Auch befremdlich finde ich, wenn Frauen auf solche komischen &#8222;Ich schaffe das aber nicht alleine&#8220; &#8211; Muster zurückgreifen.&#8220;<br />
 <br />
&#8222;Dass es noch immer Ungleichheiten gibt, hängt vielleicht damit zusammen, dass in der Arbeitswelt noch Männer und Frauen sitzen, die einer anderen Generation angehören. Vielleicht sind wir einfach die ersten, die mit diesem absolut selbstverständlichen Gefühl der Emanzipation aufwachsen: Wir können Reisen, Arbeiten und uns Selbstverwirklichen. Das ist alles ganz normal. Wahrscheinlich muss man, im Anbetracht solcher Ungleichheiten, die es in Deutschland immer noch gibt, dafür ein Bewusstsein entwickeln: Sich an die eigene Nase fassen und sich umgucken.&#8220;<br />
<br />
&#8222;Übrigens bin ich für eine neue Generation der Mathe- und Physiklehrer. Ich hatte mehr als einmal das Gefühl, dass die mir eine drei gegeben haben, weil ich ein Mädchen bin. Zuhause wurde mir nie vermittelt, dass ich mehr oder weniger kann als ein Junge. Vielleicht ist Gleichberechtigung für mich deshalb eine totale Selbstverständlichkeit. Die Frage danach stellt sich für mich gar nicht erst. <br />
Präsent wird das Thema nur dann, wenn ich Berichte über Frauen in anderen Ländern lese, die dort behandelt werden, als wären sie weniger wert.&#8220;<br />
<br />
<br />
&#8222;Ich mag es nicht Dinge zu zerreden. <br />
Ich fühle und dann schreibe ich. <br />
Manchmal ist es besser, nichts zu sagen und einfach zu zuhören. Das sauge ich auf und studiere das Leben.&#8220;<br />
<br />
&#8222;Ich jage das perfekte Lied. Manchmal muss ich tausend Sätze schreiben um den einen zu finden, der alle anderen überstrahlt und das treibt mich an.&#8220; <br />
<br />
&#8222;Bei den vorherigen Alben ging das Schreiben viel schneller. Jetzt habe ich mir Zeit gelassen für das Bild, das in mir entstanden ist. Ich habe mir erlaubt, es zu revidieren, es zu überprüfen. Das Ergebnis ist besser, finde ich.&#8220;<br />
<br />
&#8222;Wenn wir einen hektischen Tag haben und ich sehe, wie ruhig die Jungs bleiben, denke ich immer: &#8222;Moment mal, warum sind die hier jetzt alle so entspannt, während für mich die Welt Kopf steht.&#8220; Ich will dann auch so sein und frage einfach: &#8222;Sagt mal, warum regt Euch das denn jetzt nicht auf?&#8220; Ich bin froh, dass die da sind. Die erden mich.&#8220;<br />
<br />
<br />
&#8222;Entscheidend ist für mich, <i>wer</i> mich kritisiert. Wenn das meine Freunde oder meine Familie tun, nehme ich mir das zu Herzen. Bei Kritiken bin ich mir bewusst, dass es nicht um mich persönlich geht.&#8220;<br />
<br />
&#8222;In dem Magazin Neon stand, dass ich nur wirres Zeug rede. Eigentlich mag ich die gerne. <br />
Mit dem Journalisten, der den Text geschrieben hat, haben wir einen richtig schönen Tag verbracht. <br />
Kritik ist okay, aber er hat uns überhaupt nicht das Gefühl vermittelt, dass er mich bescheuert findet. Er hätte ja mal fragen können: &#8222;Mieze, stimmt mit Dir vielleicht was nicht?&#8220;. Dann wäre das Ganze interessant geworden und ich hätte diesen Artikel auch verstanden. Aber die vernichtende Kritik und sein Verhalten bei unserer Begegnung haben überhaupt nicht zusammen gepasst.&#8220;<br />
<br />
&#8222;Egal. Ich weiß wer ich bin und was ich mache. Und dass ich das von ganzem Herzen tue. Ich bin aufrichtig. Solche Texte erschüttern mich nicht. Mich berühren andere Dinge.  Menschen die auf der Straße leben, Bettler zum Beispiel. Wenn ich Kleingeld in der Tasche habe, gebe ich ihnen etwas. So funktioniert das, finde ich. Geld muss im Umlauf bleiben.<br />
Aber dann will ich auch etwas dafür sehen: Dass einer die Straßenzeitung verkauft, oder Musik macht und nicht auf dem Boden sitzt und sich selber leid tut. Ich verlange, dass derjenige mir zeigt, dass er an diesem Leben teil hat und davon noch etwas erwartet. Ich bin Stier. Bettler sind besitzlos und das ist für Stiere das Schlimmste, was passieren kann. Wahrscheinlich habe ich deswegen so viel Mitleid mit Obdachlosen. <br />
<br />
&#8222;Wenn ich irgendwo ankomme, ist meine erste Handlung, dass ich mich einrichte: Ich suche mir einen schönen Platz für meinen Schlüssel, das Handy und mein Textbuch.&#8220;<br />
<br />
&#8222;Ich habe lange gedacht, dass ich alles, was meine Zukunft betrifft, schon in Sack und Tüten haben muss. Das ist nicht einfach, wenn man Künstler ist, weil es für die in Deutschland keine finanzielle Absicherung  gibt. Ich kann mich zwar darum kümmern und vorsorgen, aber ob das Geld später noch da ist, kann mir keiner versprechen &#8211; ein Drahtseilakt, deswegen passt hier das Thema Zirkus wie Arsch auf Eimer. Meine Leben funktioniert ohne Netz und doppelten Boden.&#8220;<br />
<br />
&#8222;Zum Kinderhaben sind wir da. Wie viele Kinder ich mal haben möchte, weiß ich noch nicht &#8211; Hauptsache gesund. An der Vorstellung, die ich von meiner Zukunft habe, rüttelt nichts. Die ist ganz klar.&#8220;<br />
<br />
&#8222;Übrigens auch erst seit gestern Abend. Seitdem hat sich bei mir eine schöne Ruhe eingestellt.&#8220;<br />
<br />
<i>Das war, was Mieze gesagt hat. Eine halbe Stunde flippern zwischen Foto- und Presseterminen. Der Ball war in Bewegung. Am Anfang ziemlich stockend, weil ich nicht wusste, wie ich jemand saubere Pässe zuspielen soll, der danach einen journalistischen Arschtritt zumindest für möglich hält. Und überhaupt wegen diesem bescheuerten Promokorsett von 30 Minuten. Irgendwie wurde es doch noch gut. Aber dann kam auch schon der Manager und sagte, dass wir aufhören müssen. Also habe ich dem MIA. Label ROT eine Mail geschrieben, mit der Bitte um einen Zusatztermin. Eigentlich sei überhaupt keine Zeit, war die Antwort. Allerhöchstens für 15 Minuten am Telefon.</i><br />
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<br />
<br />
<b>III</b><br />
<br />
Mieze: &#8222;Ich hatte so ein gutes Gefühl bei dem Interview. Wenn das für Dich anders war, musst Du mir das doch sagen! Ich habe gar nicht gemerkt, dass Du was nicht gut fandest.&#8220;<br />
<br />
<i>"Eine halbe Stunde ist zu kurz und 15 Minuten auch. Das kann nicht gehen."</i><br />
<br />
&#8222;Doch, doch, doch! Komm&#8217; wir probieren das jetzt.&#8220;<br />
<br />
<i>"Na gut. <br />
Wie geht&#8217; s?"</i><br />
<br />
&#8222;Es geht mir sehr gut. Die Sonne knallt auf meinen Kopf und ich ahne dass es heute noch gewittern wird.&#8220;<br />
<br />
<i>"Seit der WM geht man in Deutschland ganz selbstverständlich mit den Nationalfarben um und ..."</i><br />
<br />
&#8222;Das war beeindruckend, oder? Toll. So einen unkomplizierten Umgang damit gab es vorher noch nie. Jetzt sind die Menschen bereit dafür und deswegen kommt diese positive Neubesetzung zu Stande. So etwas kann keiner bestimmen. Irgendwann ist es soweit und dann passiert es. Ich habe es genossen: Wir waren auf Tour und konnten sehen, wie das in Deutschland vor sich ging.<br />
<br />
<i>"Kommst Du auch mal zur Ruhe, wenn Du pausenlos unterwegs bist?"</i><br />
<br />
&#8222;Es gibt gerade keinen Stillstand und ausruhen kann ich mich auch noch später. Ich will das so und freue mich, dass unserer Musik so vielen Menschen gefällt. Man darf nicht vergessen: Es geht <i>nur</i> um Musik. Wir bauen keine Maschinen, die Menschen retten oder die Technik revolutionieren. Außerdem gibt es noch massig andere Musik. Trotzdem bekommen wir so viel zurück. Das nehme ich alles mit, weil ich weiß: Das ist gerade eine gute Zeit.&#8220; <br />
<br />
<i>"Sprichst Du Menschen an, wenn sie Dich interessieren?"</i><br />
<br />
&#8222;Ja. Aber im Moment bin ich da sehr entspannt. Ich spreche an und werde angesprochen. Grundsätzlich sage ich: Liebe wird aus Mut gemacht, man muss es wagen. Mut gehört dazu, jemanden ansprechen auch.&#8220;<br />
 <br />
<i>"Wie verhältst Du Dich, wenn Dich Journalisten fragen, was bei Dir die Liebe macht?"</i><br />
<br />
&#8222;Ich finde es fair, wenn ich die das gleiche Fragen kann. Was macht denn Dein Herz gerade?&#8220;<br />
<br />
<i>"Geht so." </i><br />
<br />
&#8222;Aha&#8220;<br />
<br />
&#8211; &#8211; &#8211;<br />
<br />
<i>"Deins?"</i><br />
<br />
&#8222;Also ich rechne noch schwer mit der großen Liebe.&#8220;<br />
<br />
<i>"Die gab es noch nicht?"</i><br />
<br />
&#8222;Die ganz große Liebe? Nein, die kommt noch! Und die will ich heiraten, mit der will ich mit Kindern und Hund auf der Terrasse sitzen. <br />
Oh!<br />
Hier fällt gerade eine Katze vom Dach. Warte mal kurz.&#8220;<br />
<br />
<i>"Mieze kommt wieder"</i><br />
<br />
&#8222;Noch mal alles gut gegangen mit der Katze. Erzähl weiter.&#8220;<br />
<br />
<i>"Bist Du gerade verliebt?"</i><br />
<br />
&#8222;Hmmm ... ich gucke mir an, wer so rum läuft. Da gibt&#8217;s es viele schicke Männer. Aber es ist keiner dabei, der mich umhaut.&#8220;<br />
<br />
<i>"Hattest Du schon mal jemanden, den Du wolltest, aber es hat nicht funktioniert?"</i><br />
<br />
&#8222;Ja, unbedingt! Bei solchen Angelegenheiten gehe ich mit mir ins Gericht. Ich frage mich, woher das kommt und was gerade mit mir los ist: Warum schaffe ich es nicht von diesem Menschen zu lassen? Meistens komme ich darauf und dann kann es weiter gehen. Es gibt ein Lied von uns das &#8222;Fünf bis acht&#8220; heißt. Eine Freundin von mir konnte einen Mann einfach nicht vergessen. Ich sage immer, man darf so etwas so lange mitmachen, wie es einen inspiriert. Irgendwann hat man sowieso die Schnauze voll und es geht weiter. Bei meiner Freundin wusste ich überhaupt nicht mehr, was ich ihr noch sagen soll. Sie hat gar nicht mehr aufgehört zu leiden. Dann hat sie ihm einen Brief geschrieben der so anfing: &#8222;Mein Herz wird zu Stein&#8220;. Daraus habe ich ein Lied gemacht, weil der Brief so ausdrucksstark war. Das Herz wird niemals zu Stein, wenn man das nicht will. Und vor allem nicht wegen jemand, den man nicht haben kann. Wir bestimmen, was mit uns passiert. Dabei ist es auch okay, wenn man mal keinen Plan hat. Man muss nicht immer genau wissen, was richtig und was falsch ist.&#8220;<br />
<br />
<i>"Das weißt Du aber auch noch nicht lange."</i><br />
<br />
&#8222;Als wir uns das letzte Mal getroffen haben, habe ich mich am Vorabend mit einer Freundin unterhalten. Da hat es Klick gemacht und seitdem macht es unaufhörlich &#8222;Klick&#8220;<br />
<br />
<i>"Was passiert denn so, wenn es &#8222;Klick&#8220; macht?"</i><br />
<br />
Dann habe ich etwas Wichtiges verstanden. Um mich herum geht es gerade allen gut. Frieden. Meine Freunde sind glücklich, meine Familie auch. Das erlaubt mir aus der Form zu fallen, chaotisch zu sein und mich auffangen zu lassen. Ich zwinge mich nicht dazu das Chaos, das in mir ist zu zügeln. Ich gebe mein Bestes, so oder so. Das weiß ich. So kann man Frieden mit sich machen: Sich bewusst machen, dass man sein bestes gegeben hat. Dann fällt man abends glücklich ins Bett, egal wie der Tag war.&#8220;<br />
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<b><i>Der letzte Satz ist: Es geht nicht in drei Sätzen. </i></b><br />
<br />
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<i>Weiterlesen:</i><br />
<br />
<a href="http://einszueins.blogg.de/eintrag.php?id=1"><b>'n Abend allerseits</b> &#8212; Markus Kavka über Moral, Anstand und Sparsamkeit</a><br />
<br />
<a href="http://zuender.zeit.de/2006/15/nina"><b>"I'm not a punk, I'm Nina Hagen"</b> &#8212; Über George Bush, Angela Merkel, Drogen und Ufos</a><br />
<br />
<a href="http://www.zeit.de/zuender"><b>Zuender</b> - Das Netzmagazin</a><br />
<br />
]]></description>
<pubDate>Fri, 21 Jul 2006 10:49:03 +0200</pubDate>
<dc:creator>zeitzuender</dc:creator>
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<title>N?abend allerseits ...</title>
<link>http://einszueins.blogg.de/eintrag.php?id=1</link>
<description><![CDATA[<b>eins:eins mit Markus Kavka</b> ?Entschuldige mal, Markus?, haben wir gesagt ?aber Du bist doch schon 38, nur noch zwei Jahre, dann wirst Du vierzig! Wir wollen jetzt von Dir wissen, ob Du ein vorzeigbarer Staatsbürger bist, in diesem WM-Jahr, wo doch so viel Besuch da ist; das deutsche historische Museum  gerelauncht worden ist, Matthias Matussek ein Buch veröffentlicht hat, das ?Wir Deutschen? heißt und überhaupt in den Feuilletons, im Fernsehen und auf den Straßen gerade alles so dermaßen deutsch ist, dass beim Zuender dazu auch etwas stehen muss. Und wenn Du jetzt fragst: ?Spinnt Ihr, was habe ich denn damit am Hut?? dann antworten wir: ?Wissen wir auch nicht, aber einer muss es ja machen und vielleicht kannst Du bei der Gelegenheit auch noch ein bisschen was über Dich erzählen. ? <i>Fragen von Antonia Baum</i> <br /><br /> <b>Trautes Heim</b> Meine Kindheit habe ich sehr behütet in Manching, einem kleinen Dorf bei Ingolstadt, verbracht. Da gab es Wiesen und Kühe, aber keine Vorbilder. Mit 16 habe ich gemerkt, dass es das auf Dauer nicht sein kann. Es war mir zu eng. Einen Tag nach dem Abitur habe ich die Beine in die Hand genommen und bin los. Für meine Eltern tat mir das leid, aber ich wollte leben und brauchte Input. Danach bin ich immer von einer Stadt in eine noch größere gezogen. Jetzt bin ich in der größten, die es in Deutschland gibt und die kenne ich nun auch. Es ist, als hätte mich damals etwas gestochen und es wirkt noch. <br />
<br />
<b>Pünktlichkeit</b> Das akademische Viertel ist auf jeden Fall Standard. Es gibt einen schmalen Grad zwischen lässigem Zuspätkommen und respektloser Unpünktlichkeit. Je besser ich die Leute kenne, mit denen ich verabredet bin, desto unpünktlicher bin ich. Das ist natürlich schäbig, denn ich kann es nicht ausstehen, wenn Leute zu spät kommen. Aber eigentlich macht es mir Spaß, pünktlich zu sein. Wenn ich astrein pünktlich bin, freut mich das.<br />
<br />
<b>Jugend</b> Ich war mal Gruftie mit allem drum und dran: Schwarz ausgekleidetes Zimmer, Kajal satt um die Augen und einen Nasenring hatte ich auch. Dass man sich optisch abgrenzen will, ist heute nicht mehr so. Früher hat man sich mit einer Gruppe identifiziert, jetzt verlagert sich das eher ins Private. Jeder kocht mit seinen Freunden sein Süppchen. Wichtig ist, dass man die gleichen Dinge gut oder doof findet, dabei hat man dann ganz angenehm seine Ruhe. Zu sagen, dass das eine generationsspezifische Erscheinung ist, finde ich schwierig. Man darf nicht vergessen, dass sich viele Dinge einfach geändert haben und so lange nicht  eine komplette Generation pennt, sondern ein paar junge Leute mitdenken, mache ich mir keine Sorgen. <br />
<br />
<b>Anstand</b> Für mich ist jeder Mensch gut und muss sich erst als Depp herausstellen. Ich glaube an das Gute im Menschen, weil ich so erzogen worden bin: Nicht draufhauen, sondern reden, und das ist mir bis zum heutigen Tag auch gelungen. Keine einzige Prügelei bis jetzt. Nur auf die Fresse bekommen habe ich, weil ich Gruftie war. Grundsätzlich vermeide ich es, ein Arschloch zu sein und versuche jedem respektvoll entgegen zu treten. Haut aber nicht immer hin. Manchmal kann ich einfach nicht anders und aktiviere diesen Zug, um Distanz zu schaffen. Man hört ja ständig, dass man manchmal ein Arschloch sein muss und dass das völlig unbedenklich ist. Ich finde nicht, dass das zwingend erforderlich ist, aber mir passiert es auch. <br />
<br />
<b>Arbeitsmoral</b> Manche Leute finden, dass ich ein zu kurz geratener Moderator bin, der schlechte Ansagen macht und einfach mal die Klappe halten sollte. Mit der Zeit habe ich mich daran gewöhnt, nur manchmal frage ich mich wirklich:<br />
 ?Muss ich mir das geben??. Andererseits wollte ich nie everybody? s darling sein. Das wäre das Allerschlimmste: Zu hören, was für  ein netter Kerl ich bin.  Dann ist es mir andersherum lieber. Aber wenn im Internet rumgepöbelt wird, weil da  anonym die Sau raus gelassen werden kann, fällt mir dazu nichts mehr ein außer: Das ist ganz schlechtes Benehmen. <br />
<br />
Ich stelle überhaupt nicht in Abrede, dass andere alles, was ich mache - sei es Moderieren, Kolumnen schreiben oder Auflegen - vielleicht besser könnten. Aber entscheidend ist: Die machen es nicht. Ich habe mich nie vorgedrängelt, sondern in der Regel hat sich irgendwer gedacht: ?Mit dem probieren wir das mal aus? und dann durfte ich eben ran. Ich muss mich nicht rechtfertigen, aber weil ich mir gegenüber sehr kritisch bin, frage ich mich immer wieder, ob es okay ist, wie ich meine Arbeit mache und dass ich sie überhaupt mache. Die News werde ich nicht ewig moderieren, und das will ich auch nicht. Ich habe Sehnsucht  danach, meine Ruhe zu haben, von niemand erkannt zu werden und mich nicht ständig beurteilen lassen zu müssen.<br />
<br />
<b>Benehmen</b> Ich kenne den Knigge nicht auswendig. Keine Ahnung wie es heute um Manieren steht. Natürlich kann ich es mir als 38-Jähriger rausnehmen zu sagen: Die jungen Leute sind heute soundso. Aber dafür fühle ich mich dieser Generation noch viel zu nahe. Leute, die sich hinstellen und darüber urteilen finde ich uncool. Außerdem würde ich die News als Onkel Markus wahrscheinlich nicht mehr lange präsentieren. <br />
<br />
<b>Spießer</b> Mich nervt die Neospießer-Debatte. Zum einen, weil sie sich im Kreis dreht, zum anderen weil ich nicht weiß, worüber eigentlich geredet wird. Wenn ich in den Foren Beiträge dazu lese, frage ich mich immer, wer hier wen wofür kritisiert. Man kann keine klaren Positionen mehr erkennen. Sind jetzt die die Bösen, die sich auf konservative Werte zurück besinnen und es sagen, oder sind es die, die darüber schimpfen, aber eigentlich genauso  sind. Oder sind es diejenigen, die diese Werte komplett ausblenden. Ich bin da etwas ratlos. Klar ist auf jeden Fall, dass sich kein junger Mensch gerne vorwerfen lässt, dass er spießig ist. Aber was ist überhaupt spießig? Frau, Kinder, Job, Auto in der Garage? Oder Bio-Essen, Toleranz und Ökostrom?<br />
<br />
Als ich zwanzig war, gab es einen ganz klar umrissenen Bergriff davon. Spießig war, wer am Samstagvormittag seine Felgen mit der Zahnbürste sauber gemacht hat, danach seinen Vorgarten bestellt hat und im Abstand von zwei Jahren ein Kind bekam. Spießig war das, was die Eltern gemacht haben und die, die es ihnen mit Anfang zwanzig gleichgetan haben. <br />
<br />
Ich selber halte mich in etwa für so subversiv wie einen Bausparvertrag. Okay, politisch stehe ich links, mein Leben ist nicht das eines durchschnittlichen 38-jährigen, aber tatsächlich bin ich Durchschnitt. <br />
Eigentlich könnte ich in meiner exponierten Position Haltung annehmen. Wäre aber übers Knie gebrochen, weil ich mich so nicht sehe. Wenn, dann verlagere ich das ins Private ohne in der Öffentlichkeit ein Fass aufzumachen. Deswegen halten mich Leute, die radikale Positionen vertreten, für ein Weichei. Ein Bankangestellten könnte mich dagegen aus irgendwelchen Gründen wahnsinnig revolutionär finden.<br />
<br />
<b>Fleiß</b> Neben den News schreibe ich Kolumnen, mache Zeugs bei Radio Fritz und lege auf. Tolle Sachen, die Spaß machen. Aber ich bin oft unzufrieden mit dem Ergebnis, weil mir die Zeit fehlt. Wenn ich am Wochenende auflege, denke ich mir, dass meinen Übergängen mehr Zuwendung gut tun würde, wenn ich nach Feierabend bei MTV zu Radio Fritz fahre und in einer Stunde acht Einspieler runter reiße, finde ich hinterher, das könnte besser sein. Mir fehlt dann die Kraft zu sagen: ?Alles noch mal von vorne.? Früher hätte ich mir das nicht durchgehen lassen. Meine Ansprüche an mich sind hoch, aber im Moment komme ich nicht anders durch, als mich zumindest manchmal mit Mittelmaß zufrieden zu geben. Oder ich müsste einen meiner Jobs aufgeben.<br />
<br />
<b>Säulen</b> Meinen Job kann ich nur bewältigen, weil ich eine Basis habe: Meine Freundin und meine Familie. Zeit zum Runterkommen muss ich mir minutenweise nehmen, das lernt man in meinem Beruf. Meine Freundin und ich wohnen zusammen und verbringen jede freie Minute miteinander, dann schalte ich ab. Klar reden wir über meine Jobs, aber das gehört dazu. Wir unterstützen uns gegenseitig. Irgendwann will ich eine Familie, aber wo ich die zeitlich unterbringen soll, weiß ich gerade wirklich nicht. Aber insgesamt habe ich ein prima Privatleben. Alles super. <br />
<br />
<b>Sparsamkeit</b> Ich habe kein Verhältnis zum Geld. Dadurch, dass ich relativ gut verdiene, hat sich das so entwickelt. Was auf dem Konto ist, gebe ich aus und meistens nicht für mich, sondern meine Freunde, die es nicht so dicke haben. Ich bin nicht St. Martin, der sein Mäntelchen mit der ganzen Welt teilt, aber es war schon immer so, dass es um mich herum Menschen gab, die weniger hatten als ich und denen habe ich dann eben was gegeben. Natürlich verschenke ich nicht ausdrücklich Bargeld, aber wenn jemand zu mir sagt ?Kannste mir nen Fuffi leihen? gebe ich ihm den und frage nicht, wann ich ihn wieder bekomme, und wenn ich ihr gar nicht wieder bekomme, ist das meistens auch in Ordnung. Das war schon ganz früher so: Mein drei Jahre jüngerer Bruder hat zwei Mark Taschengeld in der Woche bekommen, ich fünf. Deswegen habe ich ihm seine Matchboxautos gekauft. <br />
<br />
Auf materielle Dinge lege ich nicht so viel Wert. Wichtiger ist mir, dass ich mich mit den Dingen, die mich umgeben, wohl fühle. Es ist eine Frage des Geschmacks und nicht des Preises, wie mein Auto, meine Klamotten und meine Wohnung aussehen. Ich kaufe mir nicht so viele Dinge, das meiste Geld gebe ich für Reisen, Platten, Bücher, Feiern und Essen gehen aus.<br />
 <br />
<b>Aufrichtigkeit</b> Ich kenne viele Leute, die sich in meiner Branche ganz gehörig haben versauen lassen. Ich kann gar nicht sagen, ob das bei mir nicht auch so ist. Aber wenn ich merken würde, dass ich etwas mache, was nichts mehr mit mir zu tun hat, würde ich aufhören und abhauen. Nach Afrika vielleicht.<br />
<br />
<b>Glück Allein</b> Bis heute bin ich 15 Mal umgezogen und hatte noch nie das Gefühl einer allumfassenden Zufriedenheit. Ich bin ein Moment-Mensch und suche eher Situationen als Zustände. Eine konsequent glücklich gelebte Minute bedeutet für mich mehr, als eine einigermaßen glückliche Dauerbefindlichkeit.  Als es in meinem Leben am wüstesten herging, ich ständig die Stadt wechselte, meine Jobsituation unsicher war und meine Beziehungen sowieso, habe ich mir nichts sehnlicher gewünscht als endlich anzukommen. Jetzt wohne und arbeite ich in einer Stadt, alles, was ich habe ist unter einem Dach, und schon habe ich wieder Hummeln im Hintern. Aber diesmal bekomme ich das in den Griff. <br />
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<pubDate>Mon, 03 Jul 2006 11:19:32 +0200</pubDate>
<dc:creator>zeitzuender</dc:creator>
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